Alle Rollen in der Haftungskette
Fulfilment · Marktplatz · Handel

Fulfilment, FBA und Handel: Die Haftung rückt nach, wenn die Kette reißt

Das Grundprinzip der neuen Richtlinie: Geschädigte sollen nie ins Leere greifen. Gibt es zu einem Produkt keinen greifbaren EU-Hersteller, Importeur oder Bevollmächtigten, rückt die Haftung die Kette entlang — zum Fulfilment-Dienstleister, zum Händler, zum Marktplatz.

Betroffenheit prüfen

Warum diese Rolle betroffen ist

Fulfilment-Dienstleister — also Unternehmen, die fremde Produkte lagern, verpacken oder versenden — werden erstmals ausdrücklich in die Haftungskette aufgenommen. Sie haften subsidiär, wenn kein vorrangiger EU-Wirtschaftsakteur existiert.

Händler und Online-Marktplätze haften nachrangig, aber mit einem scharfen Mechanismus: Wer auf Anfrage den vorgelagerten Wirtschaftsakteur nicht binnen angemessener Frist benennen kann, wird selbst wie der Hersteller behandelt. Auskunftsfähigkeit wird damit zur Haftungsfrage.

Typische Konstellationen

  • Fulfilment-Dienstleister und Logistiker mit Lager-, Verpackungs- oder Versandleistungen für Dritte
  • Amazon-FBA-Konstellationen mit Drittland-Herstellern ohne EU-Präsenz
  • Online-Händler mit Dropshipping- oder Marktplatz-Sortimenten
  • Stationärer und Online-Handel mit Ware, deren Lieferkette nicht dokumentiert ist

Diese Handlungsfelder sollten Sie prüfen

  • Sortiment bzw. Kundenportfolio auf Produkte ohne greifbaren EU-Verantwortlichen prüfen
  • Auskunftsprozess aufsetzen: Hersteller, Importeur oder Vorlieferant muss sich kurzfristig und belegbar benennen lassen
  • Verträge mit Auftraggebern bzw. Lieferanten um Benennungs-, Nachweis- und Freistellungspflichten ergänzen
  • Lieferanten- und Chargendokumentation lückenlos führen
  • Betriebs- und Produkthaftpflicht auf die neue subsidiäre Haftung prüfen

Worauf es in dieser Rolle besonders ankommt

Für FBA-Seller gilt eine doppelte Falle: Wer aus dem Drittland importiert, ist bereits Importeur (volle Haftung) — und wer zusätzlich eine Eigenmarke führt, ist Quasi-Hersteller. Die „Ich bin doch nur Händler"-Annahme trägt in typischen FBA-Konstellationen fast nie. Für Fulfilment-Dienstleister wiederum ist die Kundenprüfung der Hebel: Ein Auftraggeber ohne EU-Verantwortlichen importiert sein Haftungsrisiko direkt in Ihr Lager.

Häufige Fragen

Haftet Amazon oder hafte ich als FBA-Seller?
Das hängt von der Konstellation ab: Importieren Sie die Ware selbst aus dem Drittland, sind Sie Importeur und haften vorrangig. Führt Ihre Marke auf dem Produkt, sind Sie Quasi-Hersteller. Marktplatz und Fulfilment haften erst subsidiär, wenn kein vorrangiger EU-Akteur greifbar ist — und können Regress nehmen.
Was bedeutet subsidiäre Haftung konkret?
Nachrangige Haftung: Sie greift erst, wenn Geschädigte keinen vorrangigen Wirtschaftsakteur (Hersteller, Importeur, Bevollmächtigter) in der EU in Anspruch nehmen können — oder wenn Sie den Vorgelagerten auf Anfrage nicht benennen können.
Reicht es, die Rechnung des Lieferanten aufzubewahren?
Die Dokumentation muss den vorgelagerten Wirtschaftsakteur eindeutig und kurzfristig benennbar machen — Einkaufsbelege sind die Basis, entscheidend ist ein funktionierender Auskunftsprozess mit aktuellen Stammdaten und Chargenzuordnung.